In einer gut sortierten Hausbar darf Rye Whiskey nicht fehlen. Rye ist eng verwandt mit Bourbon und unterscheidet sich wesentlichen durch die Maische. Wie der Name schon verrät, besteht diese hauptsächlich aus Roggen, was dem Destillat deutlich mehr Würze und ein unverkennbares Brotaroma verleiht. Rye ist deshalb die Basis vieler Cocktails, für die handelsüblicher Bourbon zu weich/zurückhaltend wäre.

Rittenhouse Rye ist für diesen Zweck besonders beliebt, da er vergleichsweise günstig ist, ordentlich Umdrehungen hat und trotzdem nicht nach Fensterreiniger schmeckt. Grund genug, eine Falsche davon in meine Hausbar zu stellen! Und weil mir gerade langweilig ist und die Flasche fast leer: hier mein Testbericht!

Nase

Wie für Ami-Gesöff üblich, schlägt einem schon beim Öffnen der Flasche die einfältige Dreifaltigkeit an Aromastoffen entgegen. Kirschsirup, Eichenholz und Karamell. Machen wir uns nichts vor, amerikanischer Whiskey ist selten eine komplexe Angelegenheit, weshalb so gut wie alle Bourbons und Ryes nur drei Hauptaromen haben und sich nur durch unterschiedliche Gewichtung dieser Aromen unterscheiden. Nur ganz billige oder sehr exklusive Produkte weichen hiervon ab, weshalb beim Geruchstest schon feststeht, dass Rittenhouse Rye die Mindestqualität erfüllt. Entsprechend seiner kurzen Reifedauer von 4 Jahren sind die einzelnen Aromen in der Nase jedoch nicht sehr stark definiert. Beim zweiten Riechen kommt noch etwas Tonka mit dazu und eine leicht metallische Note lässt sich erahnen. Insgesamt tendiert Rittenhouse vom Geruch her in die süße, fruchtige Richtung, was für einen Rye Whiskey nicht unbedingt typisch ist.

Mund

Bei der Verkostung machen sich die 50 % Alkohol sofort auf der Zunge bemerkbar, aber zu meiner Überraschung weniger scharf und penetrant als erwartet. Das Mundgefühl ist relativ weich und fast schon buttrig, was für die Qualität des Destillats spricht. Und da ich gerade von Butter rede: Das ist auch die erste Geschmacksnote, die mir auffällt. Die guten Standard-Butterkekse aus dem Supermarkt, Opfer des grässlichsten Verpackungskonzeptes aller Zeiten. Aber lecker. Zu den Keksen gesellt sich auch sogleich ein bisschen Kirschsirup und die vom Roggen stammende Würze, die sich aber zahm im Hintergrund hält. Beim zweiten Schluck kommt dann ein eher trockenes Eichenholzaroma, das aber das weiche Mundgefühl nicht beeinflusst. Der Rittenhouse Rye nimmt sich in Sachen Tannine sehr zurück, was mir ganz gut gefällt. Wie schon beim Riechtest, macht dieser Whiskey auch geschmacklich einen sehr weichen und fruchtigen Eindruck, weshalb Rittenhouse näher am Bourbon als am typischen Rye Whiskey ist. Insgesamt kein sehr komplexes oder reifes Produkt, aber auch nicht fad oder gar unbalanciert.

Abgang

Der Abgang/Nachgeschmack ist der Reifezeit entsprechend unspektakulär. Die Rye-typische Brotnote bleibt kurze Zeit am Gaumen kleben, dazu lassen sich Spuren von Kirschkuchen erahnen. Ein paar Tanninmoleküle akkumulieren sich mit der Zeit auch am Gaumen, aber kommen insgesamt nicht sehr stark zur Geltung. Meh.

Mit Wasser

Ein paar Tropfen Wasser machen den Geruch weniger intensiv, aber die Aromabalance verschiebt sich mehr Richtung Kirsche und Tonka. Im Mund zeigt der verdünnte Rittenhouse ein bisschen mehr Butterkeksaroma und auch die Roggenwürze kommt etwas besser heraus. Bizarrerweise wird das Mundgefühl durch die Verdünnung etwas trockener. Ich habe keine Ahnung, wie das zustande kommt.

Im Cocktail

Kommen wir zum eigentlichen Sinn und Zweck dieser Anschaffung, das Mischen von Cocktails. Der Rittenhouse macht hier erwartungsgemäß eine gute Figur. Für Rye-basierte Cocktails wie den Manhattan oder auch einen Old Fashioned bietet er eine recht neutrale und gefällige Basis. Durch die 50 Volumenprozent Alkohol gibt er auch Cocktails mit vielen Komponenten ausreichend Kick. Dabei steuert er stets die nötigen Eichenholz- und Fruchtnoten mit bei, lässt aber auch etwas Würze vermissen.

Fazit

Rittenhouse Rye ist eine stabile Basis für viele Cocktails und lässt sich auch pur durchaus ertragen. Er bietet zwar kein sehr typisches oder ausgereiftes Rye Whiskey Geschmacksprofil, aber selbst eingefleischte Aficionados habe selten ein schlechtes Wort für ihn übrig. Der Preis macht nämlich die Musik und da hat der Rittenhouse weder hierzulande noch in den Staaten nennenswerte Konkurrenz. Ich persönlich wäre neugierig, mal einen 6-jährigen Rittenhouse zu probieren, aber den gibt es offiziell leider nicht. Heaven Hill vertreibt das Zeug aber wahrscheinlich unter einem anderen Label. Infrage käme da Pikesville Rye, aber der kostet halt gleich mal das Doppelte. Für das Mischen von Cocktails definitiv zu teuer. So bleibt Rittenhouse diesen Zweck also vorerst unangefochtener Preisleistungschampion.

Bewertung: 3 von 5 Punkten

Bewertung: 3 von 5.

Aufschlüsselung des Punktesystems:

0/5: Nicht für den menschlichen Verzehr geeignet
1/5: Pfui Alter, geh weg damit!
2/5: Zum Mischen mit Freeway Cola geeignet
3/5: Not great, not terrible
4/5: Solide, kann man sich zwischendurch mal gönnen
5/5: Herausragendes Geschmackserlebnis, muss man probiert haben!

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