Wer in diversen Subreddits nach dem besten erschwinglichen Bourbon fragt, wird den Wild Turkey 101 ziemlich oft empfohlen bekommen. Die Amis stehen ja sowieso auf stark Hochprozentiges, weshalb der 101 alleine wegen seiner 50,5 Volumenprozent schon viele Ranglisten anführt. Bei rund 20 € für nen Schnaps, den man zur Not auch zum Desinfizieren und Putzen verwenden kann, sage ich natürlich nicht nein und habe mir deshalb gleich eine Flasche zum Testen besorgt.

Wie alle anderen Whisky-Reviewer muss ich natürlich auch irgendwelche spannenden Hintergrundgeschichten über die Brennerei niederschreiben, also gebt euch das: Im Mai 2000 brach in einem der Wild Turkey Lagerhäuser ein Feuer aus, was dazu führte, dass zigtausende Liter brennender Bourbon Whiskey durch Lawrenceburg, Kentucky liefen. Dabei zündete das Zeug Wälder an, verursachte mehrere Explosionen, verseuchte den Kentucky River und verwandelte die Gegend kurzzeitig in eine Vision der Apokalypse. Der Geruch muss himmlisch gewesen sein!

Und da wären wir auch schon beim nächsten Thema.

In der Nase

Beim ersten Geruchstest dachte ich zunächst, dass ich mir schon wieder Covid eingefangen habe, denn ich hab so gut wie gar nichts wahrgenommen. Bei 50,5 % Alkohol hab ich zumindest erwartet, dass mir die Nasenhaare abfackeln, aber auch das blieb aus. Nach ein paar Minuten Ruhe im Glas machen sich dann doch ein paar säuerliche Zitrusnoten bemerkbar, die wahrscheinlich vom hohen Roggenanteil in der Maische kommen. Dazu kommt ein nicht näher definierbarer Holzduft und ein Hauch von Obstkorb. All diese Noten sind aber eher zarter Natur, weshalb ich schon beim Riechen den Verdacht bekomme, dass Wild Turkey das Zeug sehr nah an der Mindestreifezeit abfüllt.

Im Mund

Ein Whiskey mit dem Namen „Wilder Truthahn Einhunderteins“ verspricht Randale und das bekommt ihr auch. Niederbrennende Sachen sind in diesem Artikel das Leitmotiv und somit kommen wir zu euren Geschmacksnerven, die zum ersten Mal Kontakt mit dem WT 101 haben. 50,5 % Alkohol sind auch für erfahrene Trinker kein Pappenstiel und werden gerne mal unterschätzt. Wer sich also von der eher zurückhaltenden Nase zu einem größeren Schluck verleiten lässt, kann sich auf tränende Augen gefasst machen. Einmal über das sehr dominante Ethanol hinweggekommen, schleicht sich irgendwas zitroniges auf die Zunge, was für einen Bourbon ziemlich weird ist.

Zusammen mit dem Ethanol wird dadurch immerhin der Speichelfluss ordentlich angeregt, was die nächsten paar Schlücke deutlich angenehmer macht. Beim zweiten und dritten Schluck lassen sich Zimt und Kardamom erahnen, auch etwas Eichenholz und Karamell sind ansatzweise herausschmeckbar. Allerdings ist keine dieser Aromen besonders gut ausgebaut, was den Verdacht bestärkt, dass der Wild Turkey 101 sehr jung in der Flasche landet.

Abgang

Der Abgang ist wohl der interessanteste Part dieses Whiskeys. Am Gaumen bilden ein paar Tanninmoleküle einen bitteren und leicht floralen Nachgeschmack, der mich ein bisschen an Melonenrinde erinnert. Insgesamt eine eher trockene Geschichte, aber nicht unangenehm.

Mit Wasser

Ein paar Tropfen Wasser geben dem 101 bei der Riechprobe den Bourbon-typischen Eichenholzmuff und bringen die Karamellnote mehr zum Vorschein. Im Mund kommt die Verdünnung ganz gut an, auch hier weicht der Alkohol etwas verbranntem Karamell und Eichenholz, allerdings werden alle anderen Aromen wegverdünnt. Auch vom Abgang bleibt nicht viel übrig.

Im Cocktail

Mit seinem satten Alkoholgehalt ist der Wild Turkey 101 eigentlich wie prädestiniert für ein Dasein als Cocktailbasis. Mein erster Old Fashioned war aber eher enttäuschend. Der relativ dünne Körper des Whiskeys kann sich hier leider nicht durchsetzen und wo wirkt der Old Fashioned ziemlich sprittig, scharf und trotzdem irgendwie dünn. Ich hab viele gute Meinungen über den WT101 im Old Fashioned gelesen, aber ich kann diese nicht teilen. Ganz anders sieht die Sache aber im Whiskey Sour aus! Wahrscheinlich liegt’s am Eiweiß, aber hier wird der Alkohol etwas abgefedert und der Whiskey kann seine Karamell- und Gewürznoten besser mit ins Spiel bringen.

Fazit

Bei der abschließenden Beurteilung eines Whiskeys spielt auch der Preis eine Rolle und den müssen wir hier wirklich in Betracht ziehen. Für rund 20 € (für 0,7l) bekommt man mit dem Wild Turkey eine stabile Basis für starke Drinks, in denen der Whiskey selbst nicht stark zum Vorschein kommen muss. In der Preisklasse gibt es viele gute Bourbons, aber die wenigsten davon können mit 50,5 Volumenprozent auftrumpfen, was gerade den Amis scheinbar sehr wichtig ist. Für mich spielt jedoch weniger der Alkoholgehalt als der Geschmack eine Rolle und hier kommt der 101 für mich ins Straucheln.

Außer Ethanol gibt’s hier leider nur ansatzweise etwas zu schmecken, was den Eindruck eines sehr jungen und unreifen Bourbons erweckt. Der ähnlich günstige Buffalo Trace Bourbon hat zum Beispiel etwas weniger Alkohol, dafür einen weitaus besser ausgebauten und charakteristischen Körper. Grundsätzlich muss ein Bourbon für mich eine gute Basis für einen Cocktail bieten und diesem auch seinen eigenen Charakter verleihen können. Darüber hinaus sollte man ihn auch pur trinken und dabei einigermaßen genießen können. In beiden Punkten fällt der Wild Turkey 101 bei mir jedoch durch. Mir egal, wie sehr andere ihn lobpreisen, ich werde ihn jedenfalls nicht mehr kaufen.

Wertung: 2 von 5 Punkten

Bewertung: 2 von 5.

Aufschlüsselung des Punktesystems:

0/5: Nicht für den menschlichen Verzehr geeignet
1/5: Pfui Alter, geh weg damit!
2/5: Zum Mischen mit Freeway Cola geeignet
3/5: Not great, not terrible
4/5: Solide, kann man sich zwischendurch mal gönnen
5/5: Herausragendes Geschmackserlebnis, muss man probiert haben!

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