Jim Beam White Label war für mich immer ein Alptraum von einem Whiskey. Dadurch dass ich bereits im zarten Alter von 17 Jahren meine erste Führung durch eine schottische Whiskydestillerie bekommen hatte, war ich schon immer ein kleiner Snob, was Spirituosen angeht. Als junger Mensch mit einigermaßen normalem Sozialleben bleibt man von dem einen oder anderen Glas billigen Fusels natürlich trotzdem nicht verschont. Was wäre Jugend bloß ohne Kotzen in den frühen Morgenstunden…
Von allen Dingen, die man sich gepflegt hinter die Binde kippt, hat mich allerdings nie etwas so sehr geekelt wie billiger Whisk(e)y. Und das Flaggschiff billigen Whisk(e)ys war eben immer Jim Beam White Label. Teuer genug, um nicht mit Türschlossenteiser verwechselt zu werden, aber deutlich billiger als Jack Daniels. Letzterer ist wenigstens mit Cola einigermaßen erträglich, aber Jim Beam war nicht mal dafür zu gebrauchen. Diese unverwechselbare Mischung aus Wässrigkeit und einem Aroma, das viele selbsternannte Experten als „grasig“ bezeichnen, geht mir nicht mal mit der guten Freeway-Cola runter. Diese „grasige“ Note erinnert mich nämlich eher an „vollgepisst auf einem Grünstreifen aufwachen“. Das nenne ich mal eine selbst erfüllende Prophezeiung.

Zurück in die Gegenwart! Auf der Suche nach einem Bourbon zum Mischen von Cocktails ist mir im Regal des E-Centers dieser Jim Beam aufgefallen. Single Barrel? 47.5% Alkohol? 35€? Kann ja vielleicht gar nicht schlecht werden! Also habe ich, experimentierfreudig wie ich bin, meine Vorbehalte gegenüber der Marke vergessen und zugegriffen.

Zugegeben, nicht nur Experimentierfreudigkeit war hier ausschlaggebend. Mein Whisk(e)y-Wissen hat sich mit den Jahren nämlich erheblich vermehrt. So wusste ich natürlich, dass Jim Beam, eine Marke des Beam-Suntory Konzerns, nicht nur die traumatisierende Pisse im untersten Spirituosenregal herstellt, sondern auch viele geschätzte Qualitätsprodukte wie Booker’s, Basil Hayden’s und Knob Creek. Ein Jim Beam Single Barrel hat also gute Chancen, tatsächlich was zu taugen.

Ich spare euch jetzt aber das Marketingblabla darum, wie die Fässer selektiert werden oder wo genau im Lagerhaus diese stehen. Ihr wollt wissen, ob das Zeug sein Geld wert ist oder ob ich es an die minderjährige Partycrowd auf dem benachbarten Schulhof verschenkt habe.

Zum Testen schütte ich 25ml Flüssigkeit in ein Nosing-Glas und lasse das ganze 5 Minuten lang ruhen.

In der Nase

Typisch für die meisten Bourbons hat auch dieser Jim Beam eine muffige Eichenholznote, die sich glücklicherweise zurückhält. Der Alkohol hält sich ebenfalls zurück, was mich angesichts der Stärke des Single Barrels überrascht. Beim zweiten Riechen manifestiert sich eine voluminöse Karamellnote und leichte Andeutungen von Vanille. Als ich meine Nase zum dritten Mal ins Glas stecke, bekomme ich noch eine Andeutung von saurem Apfel zusammen, aber hier kommt schon etwas Fantasie mit ins Spiel.

Im Mund

Mein erster Schluck war leider etwas großzügig. Der Alkohol ist im Mund so dominant, dass ich befürchte, mir gerade brennende Möbelpolitur einverleibt zu haben. Unangenehm und unerwartet, denn mit 47,5% Volumenprozent gehört der Jim Beam Single Barrel absolut nicht zu den stärksten Whiskeys da draußen. Den zweiten Schluck habe ich etwas humaner bemessen und so kann ich ein sehr plastisches Eichenholzaroma mit der dazugehörigen Würze/Schärfe ausmachen. Ein Hauch von Karamell und Vanille macht sich ebenfalls auf der Zunge breit, bis dann ein bitteres Holzkohlearoma das Ensemble dirigiert. Zusammen mit dem eher mittelkräftigen Körper und den sehr zurückhaltenden süßen Aromen wirkt das ganze leider etwas unbalanciert. Stechendes Ethanol und Bitterstoffe bilden hier einen sehr fetten Rahmen um etwas, das ein angenehm weicher Bourbon hätte werden können.

Abgang

Der Abgang ist mittelmäßig lang und ist hinterlässt zunächst ein eher samtiges Gefühl am Gaumen mit zarten Tönen von frischem Holz und Vanille. Das ganze entwickelt sich schließlich eher in eine trockene Richtung und die bittere Holzkohle ist zurück im Club. Manche stehen ja auf dieses bittere Kohlearoma, aber mein Ding ist es nicht.

Mit Wasser

Ein paar tropfen Wasser machen den Alkohol in der Nase dominanter und lassen den Whiskey etwas trockener und holziger riechen.
Die Balance der Aromen bleibt im Mund sehr ähnlich, der Geschmack wird insgesamt einfach nur etwas dünner.
Ich persönlich würd’s lassen.

Im Cocktail (Old Fashioned)

Für sich alleine hat der Single Barrel jetzt nicht überragend viel zu bieten. Für den Old Fashioned bietet er jedoch eine fantastische Basis. Das Eichenholzaroma kann sich gut gegen Bitter, Zuckersirup und die Orangenschale durchsetzen. Auch die Vanille- und Karamellnoten bleiben überraschend präsent. Der Angosturabitter balanciert die Zweidimensionalität des Jim Beam gut aus, während der Zucker die Bitterstoffe gut puffert.

Fazit

Hätte ich vorgehabt, den Jim Beam Single Barrel pur zu genießen, wäre ich enttäuscht gewesen. Das Geschmacksprofil ist zwar nicht schlecht oder flach, aber entspricht einfach gar nicht meinen Vorlieben. Für den Preis gibt es eine Handvoll Bourbons, die meiner Meinung nach besser balanciert sind.
Für seine eigentliche Bestimmung, die Basis für Cocktails, ist dieser Jim Beam jedoch wie gemacht. Der Alkoholgehalt und die Stabilität der Kernaromen bieten ein gutes Grundgerüst, um das man einige gute Drinks bauen kann.

Wertung: 3 von 5 Punkten

Bewertung: 3 von 5.

Aufschlüsselung des Punktesystems:

0/5: Nicht für den menschlichen Verzehr geeignet
1/5: Pfui Alter, geh weg damit!
2/5: Zum Mischen mit Freeway Cola geeignet
3/5: Not great, not terrible
4/5: Solide, kann man sich zwischendurch mal gönnen
5/5: Herausragendes Geschmackserlebnis, muss man probiert haben!

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