Liebe Metal-Gemeinde, es ist mal wieder Zeit für meinen persönlichen Jahresrückblick. Diesmal nicht erst im Frühjahr, also etwas Applaus bitte. Wie immer ist meine Liste recht überschaubar, denn in einer Zeit, in der jede Woche so viel austauschbarer Müll veröffentlicht wird, dass selbst der Metal Hammer nicht mehr mit dem Schleimen hinterherkommt, kann und will ich nicht zu jedem drittklassigen Release des Jahres meinen Senf zugeben. 2019 war auf jeden Fall wieder ein gutes Jahr für Rock- und Metalfans mit jeder Menge brauchbarer Album-Releases. Hier habt ihr also einen groben Überblick der Alben, die mir besonders gut oder schlecht aufgefallen sind:

Bestes Album des Jahres:

Night Verses – From the Gallery of Sleep

Ein Instrumentalalbum auf Platz 1? Yes. Night Verses machen progressive Metalmusik, stilistisch zwischen Animals As Leaders und Between the Buried and Me. Nach der Trennung von ihrem Sänger Douglas Robinson entschied die Band einfach, ohne Vocals weiter zu machen und das war eine ziemlich kluge Entscheidung. Night Verses ist eine Gruppe musikalischer Wunderkinder, im Gegensatz zu den genannten Genrekollegen holen sich die Kalifornier jedoch nie einen auf die eigenen Fähigkeiten herunter oder braten ihren Hörern das Hirn mit unzugänglichem Avantgarde-Scheiß. Auf „From the Gallery of Sleep“ gibt es richtige Songs zu hören, stellenweise sogar mit Ohrwurmcharakter. Dabei wird aber keines der Stücke je lahm oder eindimensional. Night Verses dreschen auf ihre Instrumente ein als gäbe es kein Morgen und bringen dabei jeden Hobbymusiker vor Neid zum weinen. „From the Gallery of Sleep“ ist ein komplexes, kreatives und dennoch zugängliches Meisterwerk voll atmosphärischer Dichte und brillanten Einfällen. Mein persönliches Highlight 2018.

Sonstige brauchbare Alben

Architects – Holy Hell

Der Architects-Hype in den letzten Jahren ist wirklich an keinem Metalfan vorbei gegangen. Seit dem Über-Album „All Our Gods Have Abandoned Us“, dem Tod von Gitarrist Tom Searle und einer ultra-emotionalen Tour ist die Band wirklich jedem ein Begriff. Die Spannung war entsprechend groß, als die Band ein neues Album angekündigt hat und zu meiner Freude konnte ich feststellen: Architects haben geliefert. Es gibt jede Menge gemischte Reviews zu „Holy Hell“ und ich habe nicht ein einziges davon gelesen, denn es interessiert mich generell einen Scheiß, was selbsternannte Musikexperten an einem soliden Stück Musik auszusetzen haben. „Holy Hell“ klingt im großen und ganzen wie das Vorgängeralbum, was aber nicht unbedingt negativ ist. Die Songs sind alle wiedererkennbar, toll geschrieben und umgesetzt und dass ich das Album mehr als fünf mal durchgehört habe, spricht für sich. Architects haben sich mit „Holy Hell“ nicht neu erfunden, aber das müssen sie auch nicht.

Fit For A King – Dark Skies

Eines der besten Metalcore/Modern Metal Alben des Jahres und fast Platz eins auf meiner Liste geworden. Ups, jetzt habe ich schon alles vorweg genommen. Die Diskografie der Band ist bisher ziemlich durchwachsen gewesen, entweder mit beschissenen Songs oder beschissenem Sound. Auf „Dark Skies“ scheint die Band sich endlich gefunden zu haben und liefert ein Album voll geiler Riffs und Ohrwurm-Refrains in ansprechendem Soundgewand. Wem die neue Architects-Scheibe gefallen hat, wird auch dieses Album gut finden.

Annisokay – Arms

Wer sich Annisokay anhört, kommt zunächst nicht darauf, dass die Jungs Ossis sind, so perfekt haben sie den Mainstream-Modern-Metal Sound emuliert. Beim ersten Reinhören ist auch das vierte Album „Arms“ nichts besonderes. Aber es geht irgendwie doch runter wie Öl. Die Songs sind allesamt gut durchhörbar, aber dennoch eigenständig und ein paar schöne Ohrwürmer sind auch dabei. Insgesamt eine der besseren Mainstream-Veröffentlichungen im Jahr 2018 und bevor ich mir die zehntausendste Supergroup oder einfallslose Emo-Briten reinziehe, lasse ich lieber die fünf Jungs aus Halle aus der Anlage trällern und gebe damit regionalen Produkten eine Chance. Wer von der Band noch nichts gehört hat, sollte das auf jeden Fall ändern!

Tribulation – Down Below

Spätestens nach dem ultra-gehypten „The Children of the Night“ sind Tribulation der Soundtrack der Wahl für einen Roadtrip durch Transsilvanien. Gitarrenmelodien die klingen, als wären sie aus Horrorfilm-Soundtracks geklaut, treffen auf groovige Rhythmen und typische Schweden-Death-Metal-Growls. Gegenüber dem Vorgängeralbum haben Tribulation nicht wirklich etwas an ihrem Stil verändert, was grundsätzlich eine gute Sache ist. Die Produktion ist auch eine runde Sache, was für dieses Genre ja auch nicht mehr üblich ist. Kaufempfehlung!

Rolo Tomassi – Time Will Die and Love Will Bury It

Wer es ein bisschen verspielter mag, dem seien Rolo Tomassi aus Sheffield ans Herz gelegt. Die Songs pendeln immer ein wenig zwischen poppig-verträumt und hartem Metalcore-Geschrammel, als hätte jemand The Gathering und Polaris in einen Topf geworfen und kräftig geschüttelt. Hier gibt’s keine Ohrwürmer oder Klassiker zum headbangen, sondern vielschichtige und verstrickte Songs, die fast schon sperrig wirken. „Time Will Die and Love Will Bury It“ klingt dabei druckvoll und massiv und hat durch diese Mischung eine überaus fesselnde Wirkung auf den Hörer. Auch wenn ich vorab schon sagen kann, dass ich das Album nicht jeden Tag hören kann oder gar jedem weiterempfehlen, hat es mich wirklich beeindruckt. Guter Soundtrack für Couch und Rotwein.

Light the Torch – Revival

Die Trennung von Howard Jones und Killswitch Engage hatte Vorteile für alle. Killswitch machen wieder gute Musik und Jones hat mit Light The Torch (vorher Devil You Know) eine neue gute Band ins Leben gerufen. Und sowohl Killswitch auch auch Light the Torch übertreffen mittlerweile qualitativ alles, was die Killswitch-Jones-Verbindung je hervorgebracht hat. Irgendwie witzig. „Revival“ ist jedenfalls ein fantastisches modernes Metal-Album mit großartigen Melodien, ausgezeichnetem Sound und Ohrwürmern bis zum Abwinken. Sollte man gehört haben.

Bleed from Within – Era

Seit Jahren ist das Genre Metalcore/Modern Metal dermaßen überladen, dass Plattenlabels die Newcomer wohl nach dem Zufallsprinzip auswählen und so gemischt ist auch die Qualität in den CD-Regalen (oder Spotify Listen, ist ja schließlich 2019). Ein paar Namen sind allerdings seit Jahren schon Garanten für Qualität. Darunter Unearth, Sylosis, Lamb of God oder Architects. Mit einigen dieser Größen waren Bleed From Within auch schon auf Tour, was den Sound der Band natürlich stark beeinflusst hat. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass die Jungs wie eine gesunde Mischung der aufgezählten Bands klingen. Mag sich jetzt wenig innovativ anhören und das sind die Briten sicherlich auch nicht. Dennoch ist „Era“ ein bemerkenswert gutes Album geworden, auf dem jeder Song reichlich Alleinstellungsmerkmale aufweist und vor geilen Riffs und Hooklines nur so trieft. Sogar der Sound geht voll in Ordnung. Sollte sich jeder Metalfan anhören.

Parkway Drive – Reverence

Parkway Drive sind die Nickelback des Metalcore. „Reverence“ legt im Vergleich zum Vorgänger „Ire“ überall eine Schippe drauf. Der Sound ist so fett wie deine Mutter und kann mit Korn zu ihren besten Zeiten mithalten. Das Songwriting ist auf maximale Eingängigkeit und Mitgröhl-Kompatibilität optimiert. Es gibt noch mehr clean Vocals und epische Intros. Mit „Reverence“ haben die Australier auf jeden Fall das Party-Metalalbum des Jahres 2018 geschaffen und sind hierzulande nicht umsonst auf Platz 3 in den Charts gelandet. Egal ob Fitnessstudio oder saufen: Wenn man auf Tiefgang scheißt, weil die Musik einfach in den Arsch treten und Spaß machen soll, haben Parkway Drive den Soundtrack für dich.

Amorphis – Queen of Time

Amorphis hatte ich nun gute drei Alben lang ignoriert. Circa seit „Silent Waters“ ließ deren Songwriting einfach dermaßen nach, dass es unmöglich erschien, ein ganzes Album ohne Einschlafen durchzuhören. Gute Nachricht: Amorphis sind zurück! Wie haben sie das gemacht? Das wird schon beim Opener „The Bee“ klar: Back to the Roots. Sofort fallen einem dominante Synthie-Melodien und vorherrschende Death-Metal-Growls auf. Die Tradition wird während des gesamten Albums fortgesetzt, aber dabei belassen es die Finnen glücklicherweise nicht. Statt einfach die Uhr zurückzudrehen, wird die klassische Amorphis-Soundsignatur um neue Elemente, wie weibliche Chöre und leise Orchesterklänge ergänzt. In „Daughter of Hate“ wird sogar wieder das Saxophon aus der Kiste geholt. Ganz große Klasse meiner Meinung nach. Einziger Kritikpunkt am Album: Der Schlagzeugsound könnte etwas mehr Punch vertragen. Ansonsten eine durch und durch gelungene Demonstration, dass Amorphis es immer noch drauf haben und eine mehr als würdige Kompensation für den lahmen Scheiß, den die Jungs in den letzten paar Jahren veröffentlicht hatten.

Alice in Chains – Rainier Fog

Alice in Chains sind damals zusammen mit Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden auf der Grunge-Welle mit geritten, haben in Europa aber nicht die Popularität ihrer Kollegen erreichen können. Das habe ich nie verstanden. Während die meisten anderen Bands dieser Zeit aber längst tot sind oder nur noch Müll veröffentlichen, halten Alice in Chains das Niveau ihrer Alben konstant hoch und demonstrieren ein kreatives Potenzial, das in unseren Gefilden ständig unterschätzt wird. Auf „Rainier Fog“ wird das wieder hervorragend demonstriert. Wie immer und passend zum Albumtitel geht es schwermütig und rau zu, die Songs oft zunächst sperrig, aber dennoch irgendwie gut durchhörbar. Eine Musiklegende hat wieder geliefert und das Jahr 2018 signifikant aufgewertet.

Mantar – The Modern Art of Setting Ablaze

Mantar sind der Shit.

Bestes Album mit schlechtestem Sound:

Erra – Neon

Es gibt wenige Bands, die mich musikalisch so beeindruckt haben, wie Erra. Hauen ein Killeralbum nach dem anderen heraus, jeder Song voll cooler Grooves, abgedrehter Gitarrenriffs und Refrains mit Ohrwurmpotenzial. „Neon“ ist da keine Ausnahme und dreht letzteres sogar noch eine Stufe auf. Was der Band jetzt noch fehlt, ist ein vernünftiges Mastering. Seriously: Wer mit As I Lay Dying und Northlane auf Tour geht, sollte sich langsam mal um vernünftige Tontechniker auf den Konzerten und einen fähigen Mixer für die Studioaufnahmen kümmern. „Neon“ ist zwar ein geiles Album, aber der Sound ist nicht nur Plastikartig und steril (wie schon dem Vorgänger), sondern auch übertrieben spitz und höhenlastig (Team Treble war hier wohl am Start). „Neon“ könnte ein übertrieben geiles Album sein, wenn ich nicht nach drei Songs schon Ohrenschmerzen bekommen würde. Die Einzige Möglichkeit, dieses Album zu genießen, ist mit Lautsprechern oder sehr sanft abgestimmten Kopfhörern. Somit bekommt „Neon“ den Award für den „Sound ruiniert alles“-Award.

Die großen Enttäuschungen 2018

Machine Head – Carthasis

Dass Machine Head mal auf diesem Teil der Liste landen, hätte ich vorher auch nie gedacht. „Carthasis“ ist eine bunt zusammengewürfelte Sammlung von 16(!) Songs, die so gar nicht zusammen passen. Und das Schlimmste: Nur ungefähr zwei davon sind brauchbar. Wahrscheinlich bestand seitens des Labels Veröffentlichungsdruck und die Band hat die Deadline verpennt. Anders kann ich mir nicht erklären, warum Machine Head so eine unterirdische Scheiße mit Texten auf Kindergartenniveau veröffentlichen. Ich hatte in einem früheren Artikel mal weniger drastische Worte benutzt, aber ich habe den Fehler begangen, das Album während dem Schreiben dieses Absatzes nochmal zu hören. Den treffendsten Kommentar zu dieser Band habe ich bei Reddit gefunden:

Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

At the Gates – To Drink from the Night Itself

At The Gates sind meiner Meinung nach die am heftigsten überbewertete Metal Band der Geschichte. Irgendein Depp hat mal das Gerücht in die Welt gesetzt, die Kerle hätten den Melodic Death Metal erfunden und seitdem stolpert man über diesen Bandnamen immer wieder. Mit dem langweiligen „At War With Reality“ hatte die Band 2015 ihr Comeback und letztes Jahr gab’s mit „To Drink From The Night Itself“ einen überflüssigen Nachfolger. Nicht nur klingt das Album eintönig wie fast jedes At The Gates Material, sondern klingt auch noch so, als wäre es in einem heruntergekommenen Jugendhaus in Obertürkheim aufgenommen und abgemischt worden. Das ist für so einen großen Bandnamen meiner Meinung nach ziemlich peinlich. Ironie des Jahres: Meine Freunde von der noch recht unbekannten Stuttgarter Band Credic sind große Fans von At The Gates, haben dieses Jahr aber das bessere Album herausgebracht. Ich habe ihnen das nur noch nicht gesagt, weil sie sonst abheben und mehr als 5€ für Konzertkarten verlangen werden.

Five Finger Death Punch – And Justice for None

FFDP sind die schlimmste Poserband unserer Zeit. Machen einen auf hart und singen konstant darüber, wie toll sie sind. Manowar hatten sich damals wenigstens etwas einfallen lassen, Drachen, Schwerter und Kampf… FFDP (nicht zu verwechseln mit der FDP, die genauso schwul ist) dagegen holen sich in ihren Lyrics ständig vor dem Spiegel einen runter. 16-Jährige finden das natürlich cool, aber das ist keine Existenzberechtigung. „And Justice for None“ ist lieblos dahingerotzter, uninspirierter, aber grenzenlos selbstverliebter Müll. Wer poppige Gitarrenmusik hören möchte, die gerne auch mal etwas härter als Five Finger Death Punch sein darf, hört Breaking Benjamin.

Ghost – Prequelle

A Perfect Circle – Eat the Elephant

Wie sehr wollte ich dieses Album lieben. Ich war schon immer ein sehr großer Fan von APC, deren atmosphärische und emotionale Musik viele Jahre meines Lebens begleitet und inspiriert hat. Auf „Eat the Elephant“ ist von der einstigen Magie allerdings nicht mehr viel zu hören. Eigentlich sollte ich nicht überrascht sein. Maynard James Keenan ist jahrelang seinen Egotrip gefahren und hat mittelmäßige Musik veröffentlicht, die von Kritikern zu unrecht gefeiert wurde. Dann nach 12 Jahren wieder ein Perfect Circle Album. Natürlich hätte ich damit rechnen müssen, dass der alte Vibe nicht mehr wiederkommen wird, aber wir Menschen sind eben verträumte Wesen, die alles an ihren Erwartungen messen. „Eat the Elephant“ ist ein gutes Album. Ein sehr gutes sogar. Fuck, eigentlich weiß ich nicht, was dieses Album auf der Negativliste hier zu suchen hat. Vielleicht bekommt es nochmal eine Chance.

Scheiß drauf, ich mache doch Werbung. Heißer Newcomer Shit 2018 aus meiner Nachbarschaft:

Credic – Agora


Wie schon erwähnt machen Credic sehr traditionellen Melodic Death Metal, wie man ihn von Dark Tranquility und At the Gates kennt. Mit dem Unterschied, dass erwähnte Schwedenbands in letzter Zeit nichts erwähnenswertes mehr veröffentlicht haben. Wer also Bock auf Old-School Melodeath hat, sollte regionale Produkte unterstützen und den Stuttgartern eine Chance geben. Vor allem, so lange die Konzertkarten unter 10€ kosten.

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